Aus der Nachbarschaft
Fotos & Berichte > Fotos & Berichte > Info
Aus der Nachbarschaft
Auch in unseren Nachbarstädten werden Partnerschaften gepflegt.
Hier gibt es hin und wieder Einblicke in Veranstaltungen und Aktivitäten
dieser Partnerschaftsvereine.
Neues zu Frankreichs Küche gehört und eine Königin gekürt
Im Nibelungensaal begrüßte Erika Cermak die Mitglieder des Partnerschaftsvereins, die sich zum traditionellen Dreikönigskuchen-Essen versammelt hatten.
Partnerschaftsverein: Mitglieder pflegen die Tradition des Königskuchen-Essens. Dieter Maupai berichtete vom Savoir vivre der Nachbarn
Nina Schmelzing
Martina Klose begeisterte mit ihrer Stimme und französischen Hits.
Lorsch. Beim Lorscher Partnerschaftsverein kann man sogar König werden. Von der Erhebung in den royalen Stand profitiert eine frisch gekürte Majestät zwar nicht besonders lange – schon nach wenigen Stunden muss sie ihre Krone wieder abgeben. Die kleine Krönungszeremonie ist aber stets eingebunden in einen geselligen Abend, und von diesem sind immer auch die „Untertanen“ in Lorsch vollauf begeistert.
Am Dienstag war das erneut der Fall. Der Partnerschaftsverein hatte zum „Königskuchen-Essen“ eingeladen. Offiziell heißt der schöne Brauch „Galette des Rois“. Er stammt aus Frankreich und wird dort von zahlreichen Familien jedes Jahr um den Dreikönigstag herum gepflegt. Die Tradition hat der Partnerschaftsverein inzwischen auch in Lorsch bekannt gemacht. Seit rund 15 Jahren treffen sich die Mitglieder jedes Mal Anfang Januar zu dem besonderen Mahl.
Im Grunde geht es um eine einfache Sache. Im Mandelkuchen, der zu diesem Datum klassischerweie gereicht wird, ist eine kleine Bohne eingebacken. Wer sie später in seinem Kuchenstück entdeckt, wird von der Tischgesellschaft zum König ausgerufen. In den französischen Familien sorgt das Dreikönigskuchen-Essen, in das individuell noch eine Reihe von weiteren Bräuchen integriert wird – das jüngste Familienmitglied sitzt zum Beispiel unter dem Tisch – immer für viel Spaß. Sogar in höchsten Regierungskreisen sei die „Galette des Rois“ selbstverständlich Usus, wurde von Teilnehmern des Treffens im Nibelungensaal des Alten Rathauses berichtet.
Der Lorscher Verein hat schon wegen seiner jahrzehntelangen Städtepartnerschaft zu Le Coteau einen guten Draht zum Nachbarland und seinen Bräuchen. Die Bohne im Kuchen wurde im Laufe der Jahre zwar durch eine Porzellanfigur ersetzt, der Freude am Brauchtum tat das aber keinen Abbruch. Als am Dienstagabend der köstliche Mandel-Blätterteigkuchen, gespendet vom Lorscher Bäckermeister Friedel Drayß, angeschnitten und Stück für Stück verteilt wurde, war die Spannung groß, wer neuer König werden würde.
Erika Cermak, die den Abend moderierte, hatte im Vorfeld darum gebeten, achtsam zu essen, die Figur nicht versehentlich zu verschlucken und die Entdeckung des Porzellans zu melden. Die Mitglieder hielten sich daran und schon nach kurzer Zeit stand der neue König fest, bei dem es sich diesmal um eine Königin handelte. Ellen Steinbiss bekam die Papp-Krone überreicht. Die neue „Monarchin“ war überrascht über die unerwartete Ehrung. Schließlich nahm die Lorscherin erst zum ersten Mal am Kuchen-Essen teil – und das nun gleich mit der Folge, Königin zu werden.
Gebeten um eine erste Ansprache in ihrer nun herausgehobenen Rolle, zeigte sich die Königin sehr bürgernah. Das Ziel eines Monarchen sollte es sein, „dass es dem Volk gut geht“, unterstrich Steinbiss. Dafür gab es Applaus von den Zuhörern. Aufgabe einer Königin ist es nach dem französischem Brauch der „Galette des Rois“ außerdem, dass sie einen König zur Unterstützung benennt. Steinbiss entschied sich für Hans Jürgen Sander. Auch für diese Wahl gab es von den Mitgliedern Beifall.
Im französisch dekorierten Nibelungensaal ging es bei Kuchen und Rotwein aus dem Bordelais, einem Cabernet Sauvignon, aber nicht allein um die königliche Speise. Der Vereinsvorstand hatte ein unterhaltsames Rahmenprogramm zusammengestellt. Den längsten Part übernahm dabei zum Vergnügen der Zuhörer Dieter Maupai.
Das Mahl gehört zum Welterbe
Der pensionierte Lehrer nahm das Publikum mit auf einen bebilderten Streifzug durch die Geschichte der Esskultur in Frankreich. Das „Gastronomische Mahl“ im Nachbarland ist so einzigartig, dass die Unesco es bereits vor 15 Jahren in die Liste des Immateriellen Welterbes aufgenommen hat, erinnerte der Referent. Die gelungene Abstimmung zwischen Weinen und Speisen, die Vielfalt der französischen Regionen, die in den Mahlzeiten zum Ausdruck kommt und nicht zuletzt der geschätzte kommunikative Aspekt an der Tischrunde, waren ausschlaggebende Kriterien dafür.
Essen und Trinken hätten in Frankreich einen anderen Stellenwert als hierzulande, berichtete Maupai. Das gastronomische Mahl sei das Herzstück des „Savoir vivre“ und ein „wichtiger Bestandteil der französischen Kultur“. Die Unterschiede zu Deutschland begännen bereits bei den Essenszeiten. Hierzulande esse man, wenn sich der Hunger melde. Das erscheine „logisch“, räumte Maupai ein. In Frankreich setze man sich dagegen an den Tisch, wenn die festgelegte Essenszeit gekommen sei. Während die deutsche Sitte dazu geführt habe, dass nach dem Frühstück den ganzen Tag über gegessen werde und gemeinsame Abendmahlzeiten daheim nicht mehr oft stattfänden, ist die Mahlzeit in Frankreich fest im Tagesablauf verankert.
Die Erfahrung, dass Touristen oft vor verschlossenen Restaurant-Türen stehen, wenn sie in Frankreich um 18 Uhr essen wollen, hatten auch Mitglieder des Partnerschaftsvereins bereits gemacht. Zum Abendessen geht man in Frankreich aber grundsätzlich später aus als hierzulande. „Kein Restaurant öffnet vor 19 Uhr“, betonte Maupai. Er nahm nur das Elsass davon aus.
Auch der früher in Deutschland häufig zu hörende Satz „beim Essen spricht man nicht“, ist in Frankreich undenkbar. Das gemeinsame Essen am Tisch werde als „soziale Angelegenheit“ betrachtet – und nicht selten drehten sich auch die angeregten Gespräche dort wiederum ums Essen, so Maupai. Das Abendessen sei oft eine „abendfüllende Angelegenheit“, so der Frankreich-Kenner, der Zuhören überdies ein Kapitel aus seinem 130 Seiten starken Buch „Nachbar Frankreich“ vortrug und dazu köstliche Süßigkeiten verteilte.
Für seinen ersten Auftritt beim Lorscher Partnerschaftsverein hatte er passenderweise das Thema Französische Küche ausgewählt. Er informierte unter anderem über die Unterschiede zwischen Brasserien, die aus Brauereien hervorgingen, die Bouillons als eine Art der Suppenküchen und die Bistrots mitsamt geschichtlichen Hintergründen. Wer in Frankreich ein Café besucht, wird dort, anders als hier, selten Kuchen finden, fügte er an. Wer Backwaren genießen will, kehrt besser in einen Solon de Thé ein.
Noch ein Unterschied, wenn man zum Essen mit Freunden ausgeht: In Frankreich werde üblicherweise pro Tisch bezahlt, nicht pro Person abkassiert. Natürlich ist Maupai auch die „Galette des Rois“ vertraut. In vielen Familien werde dabei jedoch gern geschummelt, verriet der Referent, der manchem Lorscher bereits durch seine Veranstaltungen bei der Kreisvolkshochschule bekannt war. Auch ein Quiz rund um berühmte französische Lebensmittel – von der Lyoner Wurst bis zu den süßen Madeleines – veranstaltete er mit den Vereinsmitgliedern.
Für ansprechende lyrische Beiträge sorgte beim Königskuchen-Essen Renate Heidler. Die Lorscherin ließ zwei eigene Gedichte hören, zum Wetter passend zu Schneeflocken.
Französische Hits begeisterten
Für den musikalischen Part war diesmal Martina Klose zuständig. Die 30 Jahre alte Lorscherin ist ausgebildete Musicaldarstellerin, tourte mit ihrer Kunst eine Zeit lang international auf Bühnen und Kreuzfahrtschiffen und begeisterte jetzt die Zuhörer im Nibelungensaal mit französischen Hits, die jeder mitsingen oder mitsummen konnte, darunter „L‘oiseau et l‘enfant“ von Marie Myriam sowie einen Titel von Celine Dion und erhielt viel Applaus für ihre starke Vorstellung..
Erika Cermak erinnerte in ihrem Rückblick auf das Vereinsjahr mit dem Ausflug nach Speyer, einem Dämmerschoppen und der Geburtstagsfeier mitsamt opulenten Büfett zum 30-jährigen Bestehen des Partnerschaftsvereins. Zu den regelmäßigen Aktivitäten der Mitglieder zählen die Boule-Spiele und die Treffen zur französischen Konversation bei Wolfgang Lenz..
(aus: BA, 8.1.2026)